• Harfe

VOM JAGDBOGEN ZUM INSTRUMENT DER KÖNIGIN

Eine kleine Geschichte der Harfe

Die Harfe ist ein widersprüchliches Instrument – alt und jung zugleich, primitiv und hochkompliziert. Uralt und schlicht erscheint sie dem, der nur ihr wesentliches Merkmal betrachtet, nämlich die senkrecht oder schräg zum Resonanzkörper verlaufenden Saiten. Instrumente dieser Art wurden schon in vorgeschichtlicher Zeit entwickelt, vermutlich aus dem Jagdbogen. Die Harfe taucht in zahlreichen Bildzeugnissen aus Mesopotamien und dem alten Ägypten auf; sie ist das biblische Instrument schlechthin und spielt in den Mythen vieler Völker eine wichtige Rolle. Ihre Entwicklung führte von der Bogenharfe über die Winkelharfe (mit Hals und Resonanzkörper in rechtem oder spitzem Winkel) bis zur dreiseitig geschlossenen Rahmenharfe, die etwa ab dem Jahr 800 n. Chr. in Europa aufkam. Dagegen hat die moderne Konzertharfe mit ihren etwa 2500 Bauteilen gerade erst ihren 200. Geburtstag hinter sich. 1810 ließ sich der Franzose Sébastien Érard seine „Doppelpedalharfe“ patentieren: Ihr Tonumfang umfasst sechseinhalb Oktaven, und ihre 46 oder 47 Saiten sind auf Ces-Dur gestimmt. Sieben Pedale, für jeden Stammton der Tonleiter eines, ermöglichen die Erhöhung um einen Halbton oder – wenn das Pedal um zwei Stufen getreten wird – einen Ganzton.

Eng verbunden mit der Geschichte und Bauweise von Instrumenten ist stets ihr Repertoire. In der Barockzeit waren noch pedallose chromatische Harfen (mit eigenen Saiten für jeden der zwölf Halbtöne) in Gebrauch. Eine spezielle Sololiteratur gab es kaum, doch Cembalisten, Organisten, Lautenisten und Harfenisten tauschten ihr Repertoire wie selbstverständlich untereinander aus, und Generalbass-Stimmen konnten ohnehin von ihnen allen gespielt werden. Die Situation änderte sich allmählich, als ab dem 18. Jahrhundert die Einfach- und später die Doppelpedalharfe in Gebrauch kam. Denn die intensive Mitarbeit der Füße ermöglichte mehr Virtuosität und vor allem bestimmte Klangwirkungen, die von nun an als harfentypisch galten: etwa das Glissando, das schnelle Gleiten der Finger über die Saiten. Doch trotz mancher Verbesserung blieben die Einsatzmöglichkeiten der Harfe noch bis Ende des 19. Jahrhunderts

beschränkt: Sie hatte ihren Platz entweder im Orchester oder in den Händen von Amateurmusikern und vor allem -musikerinnen im bürgerlichen Salon.

Dass die Harfenwelt noch bis heute zu 90 Prozent weiblich ist, lässt sich aus der Geschichte des Instruments und der Geschlechterrollen erklären. Die schwere und somit auch schwer zu transportierende Pedalharfe war eher für den häuslichen Gebrauch bestimmt, nicht so sehr für die professionelle Musikausübung, die den Frauen meist verschlossen blieb. Und die Harfe konnte ausgesprochen dekorativ gestaltet sein, wird ja bis in unsere Zeit als einziges Orchesterinstrument mit aufwändigem Zierrat versehen. Beides, die Attraktivität für Frauen und das von Blattgold und Schnörkeln geprägte Erscheinungsbild der Harfe, steht mit einem Namen in Verbindung: Marie Antoinette. Die Gattin des französischen König Ludwig XVI. war eine begeisterte Harfenspielerin; sie verschaffte dem Instrument im späten 18. Jahrhundert einen Popularitätsschub und hohes Sozialprestige.

Berufsmäßig befassten sich allerdings vorerst noch überwiegend die Männer mit der Harfe: Virtuosen wie François-Joseph Naderman, Elias Parish Alvars oder Alphonse Hasselmans entwickelten im 19. Jahrhundert ihre Spieltechnik weiter und komponierten auch selbst. Schließlich bewirkte die schwer zu durchschauende Funktionsweise der Doppelpedalharfe, dass geeignete Solo- Literatur eher von Experten als von Allround- Komponisten geschaffen werden konnte. Eine ausgewiesene Expertin war auch Hasselmans’ Schülerin Henriette Renié. Sie inspirierte mit ihrer Kunst Komponisten wie Debussy, Ravel und Fauré, erweiterte aber auch selbst das Repertoire durch unzählige Transkriptionen älterer Musik und eine ganze Reihe wertvoller Originalwerke. Wenn die Harfenisten heute über eine reichhaltige Konzertliteratur verfügen, verdanken sie das nicht zuletzt ihr.

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